singt Jochen Distelmeyer in mein Ohr und ich muss die Frage weitergeben.

Wohin mit dem Hass auf die Menschen, die die unsagbar doofe Idee hatten, eine neue Generation – die der Krisenkinder – auszurufen. Warum nehmen sich Spiegel-Journalisten das Recht, Menschen auf den Leib zu schreiben, wie sie sind?

Wohin mit dem Hass auf die Baustelle gegenüber. Warum tut mir der Mann mit dem Kompressor nicht mehr leid, weil er seine Kopfhörer zuhause vergessen hat.

Wohin mit dem Hass auf meine Kollegin, die so jämmerlich ihre Ellbogen ausfährt, dass man ihr nur ein kleines bisschen Hochmut entgegensetzen muss, und sie fängt an zu schlittern? Warum tut sie sich das an? 

Wohin mit dem Hass auf all die Typen, die seit drei Wochen aus ihren Löchern gekrochen kommen und mir hinterherschleichen als wäre ich Giulia Siegel? 

Wohin mit dem Hass auf die Heldin des Kriminalromans, der mir auf meine krimiunerfahrene Frage „Ich such was mit nem schrulligen Dedektiv“ hin empfohlen wurde. Privatdedektivinnen sollten nie kokettieren, sondern einen beigen Mantel tragen.

Wohin mit dem Hass auf die Gedanken, die ich jeden Abend mit ins Bett nehme?

Die Beschuldigungen gehen weiter. Unter anderem bezichtige ich die Welt inzwischen groben Ungehorsams, weil sie mich und dich und überhaupt alle eine schrecklichen System unterwirft. Wir sind gefangen in unserer Multioptionalität. Oder zumindest Gefangene der Möglichkeiten, die wir meinen zu haben. Wir schwelgen immer noch im post-Abitur-Gefühl, überlegen auch morgen noch, was eigentlich aus uns werden soll, und diskutieren viel zu oft im Kopf unseren eigenen Egoismus durch. Formgeworden im Lebenslauf. Das Problem: Es gibt gar nicht viele Möglichkeiten, noch weniger Arbeit die ordentlich bezahlt wird, und selbst dann ist es manchmal noch schwierig eine ordentliche Wohnung zu finden und ab und zu auf ein gutes Konzert zu gehen. Trotzdem, irgendwie hält das keinen vom Drang zur Ego-Perfektion ab: Wir verbringen unseren Tag damit, über unsere eigene Selbstoptimierung nachzudenken. Die Arbeit, der Erfolg, die Anerkennung durch andere. Das ist wichtig. Das zählt. Das sind die kleinen, bunten Kugeln, die wir auf dem Rechenspiel in unsere Richtung schieben. 

Und während wir nebenher Bio-Essen einkaufen, für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung kämpfen und uns online gegen den Überwachungsstaat engagieren, vergessen wir, uns um uns selbst zu kümmern. In unserem Ego-Trip haben wir verlernt, richtig egoistisch zu sein, auf den Tisch zu hauen und das laut raus zu schreien, was wir wollen. Stattdessen betäuben wir uns – nachdem wir nicht bekommen haben, was wir wollten – mit derselben Scheiße und hoffen, dass es irgendwann vorbei geht.

Aber wie lange dauert es, bis die Liebe vorbei geht?

 

Ich fürchte, das dauert mir zu lange.

Fünf Wochen sind vergangen, seit ich mit dem Telefon in der Hand in meinem kalbsledernen Stuhl saß und die entscheidenden Worte gesprochen habe. Seitdem meide ich diese Sitzgelegenheit wie der Teufel das Weihwasser. Und folge den Regeln des Liebeskummerbewältigungsmechanismus: Ich gehe aus wie eine Verrückte. Tanze, trinke, rede Unsinn. Ich konsumiere Kulturgut en masse. Lese, höre und hänge in Kinosäälen ab. Ich arbeite. Doppelschichten. Bombe Sendungen, Beiträge und Artikel aus mir raus, dass es nicht mehr besser geht. Ich bin eine kleine Maschine, ich rotiere und folge den Schemen, die man mir nahelegt. Und während ich heute Nacht noch einen Artikel schreiben und zwei Bücher lesen muss, wird mir klar: Ich mache wieder denselben Fehler. Ich höre nicht auf mein Herz. Ich werfe mich dem Mechanismus hin, der mein Glück zerstört hat. Ich versuche, dich zu vergessen. Leider fühlt sich die Leere, die du hinterlassen hast, immer noch so an wie ein abgerissener Finger.

Heute war ich auf einer Geburtstagsfeier. Ich war die einzige, die gerade nicht mitten in einer glücklichen Beziehung steckt. Und das, obwohl ich mich bis vor zwei Wochen für die Glücklichste von allen gehalten habe. Zweieinhalb Jahre lang war ich Michelle Obama. Für mich, für dich, für alle. Und ich bin verzweifelt, weil mir dieses Glück abhanden gekommen ist.

Ich höre Element of Crime, und wahrscheinlich werden mir meine Betreuer morgen sagen, dass sich das nicht lohnt. Bei jedem Akkord sehe ich dich vor mir, Mundharmonika-spielend. Das warst du für mich. Ach wie kümmerlich ist die Wirklichkeit.

Yannsen und Lieselott sind über einen hochkant eingesetzten Pflasterstein in der Brüsseler Innenstadt gestolpert. Obwohl die Rettungskräfte sofort vor Ort waren und eine große Flut an Spenden über das schönste Paar der EU hereingebrochen ist, konnten sich die beiden nicht von ihrem Sturz erholen. Lieselott bittet gerade an der Donau um Genesung, wahlweise im beschaulichen Höchstädt oder im mondänen Wien. Sie trinkt viel und weint jeden Schluck Minuten später wieder aus sich heraus. Und kommt nicht davon ab, sich zu fragen, was der, der ihr Herz gebrochen hat, wohl gerade macht.

Heute hatte ich drei Interviews. Das erste war in Schaerbeek im Norden der Stadt, für das letzte habe ich mich auf den Stufen vor der Brüsseler Börse im Zentrum verabredet. Ich bin also einmal durch die ganze Stadt gefahren und möchte endlich ein paar entscheidende Beobachtungen mitteilen:

1. Ich verlasse das Haus und sehe: nichts. Alle Belgier haben die Vorhänge/Jalousien/Rollläden zu. Jedes, aber auch wirklich jedes Fenster ist verhüllt wie eine Frau in Afghanistan. Man begeht den Tag also fröhlich, hüpft aus der Haustür, Zeitung unterm Arm und Regenhütchen auf dem Kopf, und die bruxelloise Verschlossenheit gähnt aus jedem Stockwerk.

2. Sobald ich in die U-Bahn steige, ist das alles vergessen. Hier taue ich auf. Der Metro-DJ ist heute gut drauf und spielt schon zu früher Stunde ‘Let’s get physical’. Vor drei Jahren wurde die Supermarktbeschallung in den U-Bahnhöfen ausgetauscht, jetzt läuft Popmusik mit Hang zu 80er-Jahre-Hooklines. Als müssten die spröden Eurokraten mit ihren Aktentäschchen wachgeschüttelt werden. Ich shake. Ich bin gut drauf. Ich bin voller Energie. Will dass die Metro einfährt. Will auf sie aufspringen wie auf ein wildes Pferd.

3. Da kommt sie, die wilde Metrokutsche. Fauchend fährt sie aus dem Tunnel, blinkt mich mit ihren Scheinwerfern an und die ersten Waggons rauschen stahlfarben an mir vorbei. Die Türen öffnen sich mit einem extrem lauten ‘Zischschschschschhhhhpffffffffffkrachhhhh’. Wie bei einem Raumschiff. Ich trete ein und ergattere einen Sitzplatz in 70er-Jahre-Orange. Obwohl die U-Bahn gesteckt voll ist, fühle ich mich wie eine metro.comfort-Kundin auf dem Weg nach Orgasmatron, denn mein Sitzplatz ist nicht nur ein Sitzplatz. Es ist ein gepolsterter Sessel. Mit einer Kopfstütze, die eine ergodynamische Dulle in der Mitte hat, damit der Schädel weich und sicher liegt. Brüss-Hell, du bist spitze.

4. Jetzt fährt das Raumschiff los, und ich merke schnell, dass für die Schwerelosigkeit eines Transrapid auch in den 70ern, als Brüssel noch richtig viel Kohle hatte, keine belgischen Francs mehr übrig waren. Tackertackertackertackertacker, dütdtüdtüdtüdtüdtü, chrschhhhhh. Wir bewegen uns vorwärts wie eine kleine Made. Wir sind laut wie ein großer Panzer. Aber wir kommen, ja, wir rollen! Langsam zwar, aber immer geradeaus. Nach Europa. Tackertackertackertackertacker.

In den vergangenen zwei Wochen konnte ich erfahren, wie viel schneller die Prozesse laufen, wenn bei der Fernbeziehung das FERN wegbricht. Ich möchte verschiedene Punkte aufzählen:

- Alltag. Eigentlich Feind jeder Partnerschaft. Ich aber habe ihn herbeigesehnt wie nichts anderes. Weil ich dich endlich mal wieder so um mich haben wollte, wie du doch eigentlich bist. Ohne strenges Freizeitprogramm, weil man sich nur für ein kurzes Wochenende sieht. Jetzt hat er viel schneller Einzug gehalten, als ich wollte, und wir hüpfen morgens ohne ein Wort zu sagen aus dem Bett. Romantik, ja, Romantik? Wie jetzt?

- Arbeit. Vollkommen klar, dass ich mich um den Haushalt kümmere, schließlich habe ich gerade mehr Zeit dafür als du. Vollkommen doof aber, dass ich das Gefühl nicht loswerde, es unbemerkt zu tun. Hey, muss ich dich jetzt darauf hinweisen, dass ich heute schon das Waschbecken geputzt habe? Oder wird diese Szene noch öfter vorkommen: Du stehst am Fenster, lässt den Blick über den Holzboden streifen und sagst: Krass oder, die Wohnung staubt gar nicht ein. Wahnsinn. Weil ein Heinzelmännchen den Besen entdeckt hat. Was ist der Ausweg? Ausdiskutieren und Vorschriften aufstellen? Nicht mehr wischen und weiterärgern, weil du es auch nicht machst? Es ist noch seltsamer als in der WG. Ich merke plötzlich, dass ich mit einem Macho zusammen bin.

- Langeweile. Die Menschen, die ich in Brüssel kenne und mag, kann ich momentan an einer Hand abzählen. Daher konzentriere ich mich auf dich. Und fühle mich dabei wie eine unselbständige Klette. Nie ein guter Look, meiner Meinung nach.

Ich bin an diesem Ort nicht ich selbst, sondern ein Anhängsel von dir. Und das steht mir nicht.

Zum einen nervt es mich brutalst, dass ich auf dem Web zur Metro im Schnitt vier mal angelabert werde. Manche sagen psst, manche wow, und beim Gasthof zum blauen Lamm am Eck geht immer ein Raunen durch die Gäste. Nicht, dass ich eine heiße Schnitte wäre. Ich bin alleine, ohne männliche Begleitung, dass ist der Grund.

Was mich aber am allermeisten nervt: Fast alle sprechen mich hier mit Madmoiselle an. Das ist unhöflich! Und degradierend. Mindestens aber eine Anmaßung. Kein Mensch sollte sich in einer Begrüßung erlauben, eine informative Vermutung über meinen Familienstand mitzuschicken. Ich sage ja auch nicht ‘Hallo, Männchen! Siehst du heute wieder süß aus.’

Aber was heißt Männchen auf Französisch? Ich sollte endlich besser französisch sprechen, damit meine Nachbarn hier endlich begreifen, mit wem sie es zu tun haben.

Foto 390Dachte ich mir gestern doch: Mach ichs heute mal wie ich es in München machen würde. Die Sonne hat geschienen wie an einem fantastischen Tag an der Isar, der Sonntag hat die Brüsseler wie die Quallen durch die Straßen getrieben, und zu allem Überfluss war auch noch sogenannter ‘autofreier Sonntag’. Das bedeutet: Ich habe zum ersten Mal zwei Menschen in derselben Straße mit einem Fahrrad in der Hand gesehen.

Ich packe also total euphorisch und gestärkt von einem außerordentlich leckeren Croissant die afrikanische Staubmatte und mache mich auf in den Park. Grünstreifen zwischen dem Stadtring wäre vielleicht der bessere Ausdruck, aber das ist mir egal. Was mir viel mehr ins Auge sticht, als ich auf dem Gras ankomme, ist: Es ist voller Männer. Ehrlich, zwei Mädels und ich sind die einzigen weiblichen Wesen. Ansonsten: Typen, die alleine rumliegen und pennen, Grüppchen, die sich den Park mit Bier schöntrinken und Lederjackenträger, die ihre Runden um diese Pseudowiese drehen. Trotzig schlage ich also mitten unter ihnen mein Vampirbuch auf, und es dauert tatsächlich nicht lange, bis mich der erste begrüßt. Und dann der nächste. Als die Gruppe hinter mir anfängt, Kontakt mir mir aufzunehmen, stelle ich mich schlafend, starre durch die Sonnenbrille in die kleinen Wölkchen am Brüsseler Himmel, und frage mich, wann ich endlich aufspringe und einmal über den Grünstreifen brülle. Das ist definitiv nicht meine Hood. Was soll das, Jungs, lasst mich doch einfach in Ruhe in der Sonne liegen.

Auf dem Heimweg hat ein Hund in meinen Rock gebissen. Ein schlechtes Zeichen. Meiner Meinung nach beißen Hunde nur nach Menschen, die es verdient haben.

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